Jetzt nicht wegschauen: Konflikt, Wirtschaftskrise und Coronavirus treiben den Jemen an den Rand einer Hungersnot

Da die Bedarfe immer weiter steigen, fordert WFP dringend finanzielle Unterstützung und ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe

Ein Artikel von Simona Beltrami und Annabel Symington

Arafat schiebt eine Schubkarre durch die Straßen von Sanaa, zurück in das Zimmer, das er sich mit seiner Frau und ihren vier Kindern teilt. Der 37-Jährige war früher Lagerarbeiter in der Hafenstadt Hodeidah am Roten Meer und musste in die Hauptstadt fliehen, als dort der Konflikt ausbrach und er seinen Arbeitsplatz verlor.

Obwohl er sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlägt, reicht sein Einkommen bei weitem nicht für seine sechsköpfige Familie. Die Nahrungsmittel, die er von einer Verteilung des UN World Food Programmes (WFP) nach Hause rollt — Mehl, getrocknete Bohnen, Öl, Zucker und Salz — sind, was die Familie vor dem Hunger bewahrt. Aber wie viele andere im Jemen erhält Arafat jetzt statt monatlich nur mehr jeden zweiten Monat Hilfe.

Wie Arafat steht der gesamte Jemen kurz vor dem Abgrund. Der Konflikt brodelt so stark wie nie: Entlang 40 verschiedener Fronten wird gekämpft, zahlreiche Menschen werden getötet, Tausende vertrieben. Noch dazu steht die Wirtschaft am Rande des Zusammenbruchs. Beides zusammen bedeutet, dass das Land ernsthaft Gefahr läuft, wieder dorthin zurückgeworfen zu werden, wo es 2018 stand: Kurz vor einer Hungersnot.

Heute ist die Situation sogar noch schlimmer. Der Wert der Landeswährung Riyal hat den niedrigsten Stand aller Zeiten erreicht und die Devisenreserven sind fast erschöpft. Das bedeutet, dass lebenswichtige Nahrungsmittelimporte bald unmöglich werden. Die Lebensmittelpreise sind in die Höhe geschossen. Sie sind jetzt 140 Prozent höher als vor dem Krieg — wobei die Preise für Grundnahrungsmittel wie Pflanzenöl und Hülsenfrüchte allein in den letzten acht Monaten um fast 50 Prozent gestiegen sind. Infolgedessen können sich immer mehr Menschen nicht mehr genug zu essen leisten. Teile des Landes sind nur sehr schwer zugänglich, da sich die Fronten ständig verschieben und humanitäre Organisationen Mühe haben, die Bedürftigsten zu erreichen.

Gleichzeitig musste WFP die Ernährungshilfe in Teilen des Landes wegen massiver Finanzierungslücken kürzen. Weitere Kürzungen werden bald unvermeidlich sein.

Die Coronavirus-Pandemie verschlimmert diese ohnehin schon schlimme Situation noch weiter: Nach fünf Konfliktjahren ist das Gesundheitssystem zerrüttet. Der Jemen hat die weltweit höchste Todesrate bei COVID-19-Infizierten und Familien verlieren Einkommen durch Rücküberweisungen von Verwandten aus dem Ausland — wovon viele in der Golfregion leben und nun Schwierigkeiten haben, Arbeit zu finden.

Ohne das nahrhafte Essen, das sie für ein gesundes Wachstum benötigen, sind Kinder am schlimmsten von der sich verschärfenden humanitären Krise betroffen. Arafats zwei Jungen und zwei Mädchen sind keine Ausnahme: Bei Sultan, seinem Jüngsten, wurde schwere akute Mangelernährung diagnostiziert.

„Sultan war sehr schwach, als er geboren wurde. Ich hatte erwartet, dass es ihm mit dem Stillen besser gehen würde, aber es ging ihm nicht besser“, sagt Arafats Frau, Om Sultan. Als sie ihn in das nächste Gesundheitszentrum brachte, sagte ihr der Arzt, er sei mangelernährt. „Ich hatte große Angst — Angst, dass ich ihn verlieren könnte. Welche Mutter würde nicht um ihr Kind fürchten“, fügt sie hinzu.

„Ich tue alles in meiner Macht, damit meine Kinder nicht hungrig ins Bett gehen.“

Dank der mit Nährstoffen angereicherten Spezialnahrung, die er jetzt bekommt, nimmt Sultan zu und hat mehr Energie als zuvor. Aber er muss immer noch behandelt werden. Fast die Hälfte der Kinder im Jemen ist verkümmert, was bedeutet, dass ihre körperliche und geistige Entwicklung durch die schlechte Ernährung dauerhaft beeinträchtigt ist. Rund 2 Millionen Kinder im Jemen benötigen spezielle Ernährungshilfe. Rund 360.000 von ihnen könnten sterben, wenn sie nicht behandelt werden.

„Ich tue alles in meiner Macht, damit meine Kinder nicht hungrig ins Bett gehen“, sagt Om Sultan. Die Familie isst eine Mahlzeit in der Früh und eine am Ende des Tages — aber es gibt wenig Abwechslung in ihrer Ernährung.

„Das letzte Mal, dass wir Huhn gegessen haben, ist etwa einen Monat her. Huhn hat keine Priorität, weil es sehr teuer ist und ich für das gleiche Geld Zutaten für zwei Mahlzeiten und wichtige Dinge wie Windeln für Sultan kaufen kann“, sagt sie.

Wie Arafats Familie können sich zwei Drittel der 30 Millionen Einwohner des Jemen nicht ausreichend ernähren — sie leiden Hunger.

„Die Bedarfe im Jemen sind aufgrund eines giftigen Cocktails aus Konflikt, Wirtschaftskrise und Coronavirus größer als je zuvor. Doch die Unterstützung für humanitäre Hilfe im Land geht zurück“, sagt Laurent Bukera, WFP-Landesdirektor im Jemen. Um die Ernährungshilfe im Land aufrechtzuerhalten, benötigt WFP durchschnittlich 200 Millionen US-Dollar pro Monat. Die Kürzungen in der Hilfe wurden vorgenommen, da der Hilfseinsatz nur knapp die Hälfte der Mittel erhalten hat, die im Jahr 2020 benötigt werden.

„Wir tun mit der Unterstützung, die wir erhalten haben, alles, was wir können. Aber das ist nicht genug. Wir können nicht tatenlos zusehen, wie Menschen in die Katastrophe schlittern“, sagt Bukera und fordert finanzielle Unterstützung sowie politische Anstrengungen, um humanitären Organisationen im ganzen Land sicheren und ungehinderten Zugang zu gewährleisten.

Offizieller Kanal des UN World Food Programme (WFP). WFP ist die größte humanitäre Organisation der Welt und bekämpft Hunger weltweit. Mehr unter: de.wfp.org

Offizieller Kanal des UN World Food Programme (WFP). WFP ist die größte humanitäre Organisation der Welt und bekämpft Hunger weltweit. Mehr unter: de.wfp.org